Zu dritt im fremden Land

Mein Vater ist, wie viele Italiener, im Zuge des Anwerbeabkommen, 1965 nach Wolfsburg gekommen, da in seiner Heimat Calabrien die wirtschaftliche Situation sehr schlecht war.

Seine Familie hatte einen großen landwirtschaftlichen Betrieb, der vielen Menschen in der Umgebung Arbeit gegeben hat, aber nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise wurde es immer schwieriger. Viele verließen deshalb ihre Heimat und versuchten ihr Glück im Ausland, wie zum Beispiel in Argentinien, in Frankreich, in Amerika, in der Schweiz oder in Deutschland.

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Immacolata Glosemeyer Hand in Hand als Kind mit Vater und Onkel | Bildquelle: Immacolata Glosemeyer (privat)

Als er meine Mutter heiratete und ich unterwegs war, entschloss er sich nach Deutschland zukommen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Die erste größere Reise seines Lebens außerhalb Italiens führte ihn nach Wolfsburg. Er hatte nicht mehr dabei als einen kleinen Koffer. Hier angekommen unterschrieb er dann seinen Arbeitsvertrag bei Volkswagen. Er hat damals meine Mutter und mich sehr schnell nachgeholt, da er nicht ohne seine Familie sein wollte.

Noch heute bewundere ich ihren Mut. Es gab damals kein Internet, Handy und auch kein Fernsehen – über all das, was auf einen zukommt, konnte man sich nicht wie heute so einfach erkundigen. Deutschland war ein fernes Land, von dem man nur wusste, dass es dort kalt ist, die Sprache rau und man dort gut verdiente, wenn man fleißig war.

So waren wir dann zu dritt in einem fremden Land – ohne Freunde und ohne Familie – aber wir hatten Glück. Meine Eltern und ich zogen zur Untermiete bei einer jungen deutschen Familie, welche zwei Jungen hatte. Die Frauen kamen schnell in Kontakt über die Kinder, sodass meine Mutter und ich schnell Deutsch lernten. Mein Vater fuhr zusammen mit dem Vermieter zur Arbeit und lernte so die Sprache. Mit dieser Familie sind wir noch heute eng befreundet und empfinden es noch immer als größtes Glück und sind sehr dankbar, dass sie uns in einer Zeit in ihr Leben gelassen haben, in der das nicht selbstverständlich war.

 

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Immacolata Glosemeyer als Kind auf dem Arm der Mamma | Bildquelle: Immacolata Glosemeyer (privat)

Mit dem verdienten Geld half mein Vater unter anderem seinen Brüdern und ermöglichte ihnen so zu studieren, was sie ihm auch immer gedankt haben. Das zeigte sich bei jedem Familienurlaub, wo es so war als hätte er die Familie nie verlassen. Mein Vater selbst hat seinen Schulabschluss in Deutschland nachgeholt, was durch eine Initiative der IG Metall und „Arbeit und Leben“ möglich war.

Mein Vater war auch immer politisch, gesellschaftspolitisch und kulturell interessiert. Bei uns wurde am Küchentisch über Politik gesprochen und dabei gelegentlich auch gestritten. Das hat mich sehr geprägt; da war es für mich nur logisch mich selbst politisch zu engagieren. Er war sehr stolz darauf, dass seine Tochter die Stadt im Landtag des Bundeslandes vertreten darf, in dem er als „Gastarbeiter“ vor 50 Jahren angekommen ist.

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Immacolata Glosemeyer als Kind auf einem Wolfsburger Spieplatz | Bildquelle: Immacolata Glosemeyer (privat)

Für meinen Bruder und mich war Wolfsburg von Anfang an unsere Heimat und für meine Eltern ist sie es im Laufe der Zeit geworden. Allerdings hat er, wie viele andere auch, zu Beginn Rassismus erleben müssen, aber er sagte, dass er mehr Menschen getroffen habe, die ihn mit einem Lächeln und Respekt begegnet sind. Diese positiven Begegnungen haben dann den Rest aufgewogen.

 

Zum Schluss kann man sagen, dass meine Eltern viel haben aufgeben müssen, aber sie haben ihre Chance genutzt, um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern. Das ist ihnen gelungen und auch sie selbst sind glücklich geworden. Ich möchte allen Eltern danken, die diesen mutigen Schritt für die Zukunft ihrer Kinder gegangen sind.

Eine Migrationsgeschichte von Immacolata Glosemeyer

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